#4 Agil ans Ziel: Sinn und Unsinn von Zielvereinbarungssystemen

Shownotes

Historische Entwicklung von MBO, Zielsetzung und OKR

1920er: Mary Parker Follett entwickelt frühe Ideen zu kooperativer Führung, geteilter Macht („power with“ statt „power over“) und gemeinsamer Zielbildung in Organisationen.

1954: Peter Drucker formuliert Management by Objectives (MBO) und etabliert zielorientierte Führung als Managementstandard, bei dem Führungskräfte und Mitarbeitende anhand klar definierter Ziele gesteuert werden.

1960er–1970er: Ein Großteil der großen US-Unternehmen (inkl. vieler Fortune-500-Firmen) übernimmt MBO-Konzepte und verankert sie als zentrales Instrument strategischer und operativer Steuerung.

1970er: Andy Grove entwickelt bei Intel OKR (Objectives and Key Results) als Weiterentwicklung von MBO – mit kürzeren Zyklen, mehr Transparenz, klaren Kennzahlen (Key Results) und stärkerer Bottom-up-Partizipation.

1990: Edwin Locke und Gary Latham legen mit ihrer Zielsetzungstheorie (A theory of goal setting & task performance) den klassischen psychologischen Rahmen für systematische Zielvereinbarung und Leistungssteuerung.

2001: Das Agile Manifesto stellt Anpassungsfähigkeit, enge Zusammenarbeit mit Kundinnen und Kunden sowie iteratives Vorgehen in den Mittelpunkt und stellt damit starre Jahresziel-Logik und detaillierte Langfristpläne grundlegend in Frage.

2024: Urteil des Bundesarbeitsgerichts schränkt einseitig vorgegebene, top-down Zielkaskaden ein und betont, dass Zielvereinbarungen tatsächliche Vereinbarungen erfordern. Dies stärkt partizipative Ansätze, in denen Beschäftigte an der Zielbildung beteiligt werden. • (2024). Urteil vom 3. Juli 2024 – 10 AZR 171/23. Abgerufen von https://www.bundesarbeitsgericht.de/entscheidung/10-azr-171-23/

Management by Objectives (MbO): Management by Objectives ist ein Führungskonzept, bei dem Unternehmensziele systematisch in konkrete, messbare Ziele für Organisationseinheiten und Einzelpersonen heruntergebrochen werden. Ziele werden vereinbart, regelmäßig überprüft und dienen als Grundlage für Leistungsbeurteilung und variable Vergütung. Drucker, P. F. (1954). The practice of management. New York, NY: Harper & Brothers.

Zielvereinbarung / Zielvereinbarungssystem: Zielvereinbarungen sind strukturierte Absprachen zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden über zu erreichende Ergebnisse in einem definierten Zeitraum. Zielvereinbarungssysteme definieren Prozesse, Rollen, Bewertungslogiken und Vergütungsregeln, mit denen diese Ziele geplant, verfolgt und beurteilt werden. Vergütungsmodelle

Leistungsorientierte Vergütung: Ein Teil der Vergütung ist variabel und wird an die individuelle oder teambezogene Leistung sowie Zielerreichung gekoppelt (z.B. Boni, Prämien, Provisionen). Gewinn- bzw. Erfolgsbeteiligung: Mitarbeitende erhalten zusätzlich zum Fixgehalt einen Anteil am Unternehmensgewinn oder an definierten Erfolgskennzahlen, um mitunternehmerisches Denken und Motivation zu fördern.

Cafeteria-System (Flexible Benefits): Mitarbeitende stellen sich innerhalb eines vorgegebenen Budgets ihr persönliches Paket aus verschiedenen Zusatzleistungen zusammen ​Individuelle Wahl von Leistungen (z.B. mehr Urlaub, Mobilität, Vorsorge), was Motivation und Bindung stärkt. Steuer- und abgabenbegünstigte Benefits, sodass bei gleichen Arbeitgeberkosten oft ein höherer Netto-Vorteil entsteht. Für Arbeitgeber gut planbare und kosteneffiziente Nebenleistungen, die Attraktivität als Arbeitgeber im Wettbewerb um Fachkräfte steigern.​

Intrinsische, extrinsische Motivation und Korrumpierungseffekte (Overjustification Effect) Intrinsische Motivation liegt vor, wenn eine Tätigkeit aus eigenem Interesse, Freude oder Sinnbezug heraus ausgeführt wird. Extrinsische Motivation entsteht durch äußere Konsequenzen wie Belohnungen, Anerkennung oder Sanktionen, die nicht in der Tätigkeit selbst begründet sind. Der Korrumpierungseffekt beschreibt das Phänomen, dass äußere Belohnungen eine ursprünglich intrinsische Motivation abschwächen oder verdrängen können. Ein klassisches Beispiel ist ein Kind, das gerne malt: Bekommt es plötzlich jedes Mal eine Belohnung fürs Malen, kann es ohne Belohnung das Interesse verlieren, weil das Malen nicht mehr als freiwillig und lustvoll erlebt wird. Wissenschaftlich wurde der Korrumpierungseffekt vor allem von Edward L. Deci und Richard M. Ryan im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie untersucht. Entscheidend ist, dass kontrollierende Belohnungen („Du bekommst das nur, wenn …“) die intrinsische Motivation untergraben, während informative Rückmeldungen (z.B. wertschätzendes Feedback ohne Druck) sie sogar stärken können. Der Effekt ist besonders relevant in Erziehung, Schule und Arbeitswelt, weil falsch eingesetzte Belohnungssysteme langfristig Motivation, Kreativität und selbstständiges Lernen bzw. Arbeiten beeinträchtigen können. Die zentrale Quelle für dieses Konzept ist die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT)

Silos und Silodenken Silodenken bezeichnet eine Situation, in der Organisationseinheiten primär ihre eigenen Ziele und Kennzahlen optimieren, Informationen zurückhalten und die Zusammenarbeit mit anderen Bereichen vernachlässigen. Dies führt zu suboptimalen Gesamtergebnissen, Zielkonflikten und erschwerter Agilität. Lencioni, P. (2006). Silos, politics and turf wars: A leadership fable about destroying the barriers that turn colleagues into competitors. San Francisco, CA: Jossey-Bass.

Zielsetzungstheorie, Zielkonflikte und Zielneutralität Die Zielsetzungstheorie betont, dass spezifische, herausfordernde Ziele die Leistung steigern, sofern sie akzeptiert werden und Feedback verfügbar ist. Zielkonflikte entstehen, wenn die Verfolgung eines Ziels die Erreichung eines anderen erschwert oder verhindert; Zielneutralität liegt vor, wenn Ziele sich gegenseitig weder fördernd noch hemmend beeinflussen. In komplexen Organisationen ist das aktive Management solcher Zielbeziehungen zentral. Locke, E. A., & Latham, G. P. (1990). A theory of goal setting & task performance. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall. Locke, E. A., & Latham, G. P. (2002). Building a practically useful theory of goal setting and task motivation. American Psychologist, 57(9), 705–717. Latham, G. P., & Locke, E. A. (2007). New developments in goal setting and task performance. In E. A. Locke & G. P. Latham (Hrsg.), New developments in goal setting and task performance (S. 3–15). New York, NY: Routledge.

OKR – Objectives and Key Results Objectives and Key Results (OKR) ist ein Zielsystem, bei dem • Objectives qualitative, ambitionierte Ziele beschreiben („Was wollen wir erreichen?“) und • Key Results wenige, spezifische und messbare Resultate sind, an denen der Fortschritt und die Zielerreichung objektiv beurteilt werden („Woran messen wir, dass wir es erreicht haben?“). ​OKRs werden in kurzen Zyklen (häufig quartalsweise) gesetzt, sind organisationweit transparent und dienen dazu, Fokus, Ausrichtung und Ergebnisorientierung zu erhöhen. Grove, A. S. (1983). High output management. New York, NY: Random House. (Erstbeschreibung des Ansatzes bei Intel, der später als OKR bezeichnet wurde)

CFR – Conversation, Feedback, Recognition: CFR ist kein klassisches wissenschaftliches Modell, sondern ein praxisorientiertes Performance-Management-Konzept, das vor allem durch Josh Bersin (Deloitte) im Kontext von Continuous Performance Management bekannt wurde.

Conversation: Regelmäßige, zukunftsorientierte Gespräche zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden mit Fokus auf Ziele, Entwicklung und Prioritäten – als Ersatz oder Ergänzung zu seltenen, rückblickenden Jahresgesprächen.

Feedback: Kontinuierliche, zeitnahe Rückmeldungen (formell und informell), die Lernen, Leistungsverbesserung und Verhaltensanpassung ermöglichen.

Recognition: Laufende, gezielte Anerkennung von Leistungen und gewünschtem Verhalten – sozial (Lob), symbolisch oder materiell – zur Stärkung von Motivation und Engagement.

Vision und Mission Eine Vision ist ein langfristiges, inspirierendes Zukunftsbild einer Organisation, das Richtung und Sinnhorizont vorgibt. Eine Mission beschreibt den aktuellen Auftrag und Zweck der Organisation: was sie für wen tut und welchen Nutzen sie stiftet. Zusammen bilden Vision und Mission einen Rahmen, an dem Strategien und Ziele ausgerichtet werden können.

The Five Dysfunctions of a Team Auch in Folge 2! „The Five Dysfunctions of a Team“ ist ein Modell zur Beschreibung typischer Störungen in Teams. Es unterscheidet fünf Ebenen: fehlendes Vertrauen, Angst vor Konflikten, mangelnde Verbindlichkeit, Vermeidung von Verantwortungsübernahme und mangelnde Ergebnisorientierung. Das Modell dient als Diagnose- und Entwicklungsrahmen für Teamleistung. Lencioni, P. (2002). The five dysfunctions of a team: A leadership fable. San Francisco, CA: Jossey-Bass. Lencioni, P. M., & Schieberle, A. (2014). Die 5 Dysfunktionen eines Teams. John Wiley & Sons.

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